Lieber Herr Wirtschaftsminister,

Lieber Herr Wirtschaftsminister,

Wir kennen uns nicht persönlich und sind auch keine Facebook-Freunde. Trotzdem muss ich Ihnen mal gehörig die Meinung sagen. Denn Ihre trotzige Verteidigung der riesigen Shopping- und Outlet-Mall, die für Livange im Gespräch ist, hat mich unwahrscheinlich aufgeregt. Warum? Nun, weil ich das Gefühl habe, dass Sie sich vehement für einen privaten Investor und ein punktuelles Projekt einsetzen und dabei das Allgemeinwohl und das große Ganze außer acht lassen.

Sie behaupten, dass das Projekt Livange dem Staat 100 bis 150 Millionen Euro TVA-Einnahmen jährlich bescheren wird. Das entspräche 8% aller vom Luxemburger Staat eingenommenen TVA. Wow! Nun ist die TVA eine Steuer auf dem Mehrwert (und nicht auf dem Verkaufspreis, denn der Geschäftsinhaber bringt die an ihn verrechnete Mehrwertsteur in Abzug), so dass von 100 ausgegebenen Euros um die 10 an den Staat fließen. Das hieße, dass in Livange 1 bis 1,5 Milliarden Euro jährlich umgesetzt würden (40.000 Millionen bis 60.000 Millionen Luxemburger Franken, was ich ganz schön happig finde). Dieser Umsatz entspräche in der Größenordnung einem Sechstel der Luxemburger Staatseinnahmen. Wow Wow Wow! Ich meine, da operieren Sie aber mit einer riesigen Portion Wunschdenken, so dass ich davon ausgehe, dass die 2.000 Arbeitsplätze, die sie in Aussicht stellen, auch viel zu hoch gegriffen sind.

Bitte fahren Sie doch mal samstags nach Belval und sehen sich dort leere Geschäftslokale und gelangweiltes Personal an, um sich ein Bild über die Luxemburger Geschäftswelt jenseits von Hochglanzbroschüren und größenwahnsinnigen Businessplänen zu machen. Und was die Outlet-Idee angelangt: ich kann mir schlecht vorstellen, dass hunderttausende gestresste belgische und holländische Tanktouristen mit vollbepacktem Wagen und leerer Urlaubskasse Tausende Euros in Livange ausgeben werden.

Es ist nun mal so: da ich kein Investmentbanker bin, kann ich den Lohn, den ich Ende jeden Monats erhalte, nicht multiplizieren. Anders gesagt: das Geld, das ich in Livange ausgebe, kann ich nicht anderswo ausgeben. Das heißt also, dass anderswo in Luxemburg  viele Geschäftsinhaber weniger Mehrwertsteuer an den Staat überweisen, Personal entlassen und vielleicht definitiv schließen müssen. Keine positiven Aussichten, weder für den Finanz-, und den Arbeitsminister, noch für die umliegenden Gemeinden und deren Innenstädte, von den betroffenen Menschen ganz zu schweigen.

Lieber Herr Wirtschaftsminister, sie sind doch Sozialist, oder? Und finden es auch nicht gut, wenn die Kosten der Allgemeinheit aufgebrummt werden, die Profite jedoch in private Taschen fließen, oder? Und als Minister sind Sie ja sowieso dem Allgemeinwohl verpflichtet. Gut! Dann vertraue ich darauf, dass Sie sich in der Regierung vehement dagegen einsetzen werden, dass ein Immobilienspekulant durch eine mit unseren Steuergeldern bezahlte Autobahnausfahrt seinen Profit erhöht. Danke. Ach, fast hätte ich es vergessen: Sie werden selbstverständlich alle staatlichen und vom Staat finanzierten Banken davor warnen, das gigantomanische Livange-Projekt mit Kapital zu versorgen, nicht wahr? Logisch: da das Konzept eine Luftnummer ist, riskieren die Banken ihr Geld, pardon unser Geld, nie wiederzusehen. Danke im voraus.

Hochachtungsvoll, Ihr

Christian Kmiotek, Junglinster

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